Balance und Gleichgewicht im Leben, geht das? Ja, das kann sehr gut funktionieren. Alles was du willst, wonach du strebst und was du tun möchtest, liegt grundsätzlich in deiner eigenen Hand. Mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du vieles davon erreichen, wenn da nicht diese eine kleine, aber gewaltige Hürde wäre … die anderen Menschen in deinem Umfeld. 

Ich gehe davon aus, dass ein Mensch, der ausschließlich der Natur ausgeliefert wäre, ein harmonischeres Leben führen könnte, als derselbe Mensch unter anderen Menschen. In der Natur erfährst du jedenfalls weniger Dysbalance als in der Gesellschaft deiner Spezies. Nicht, weil die Natur immer einfach wäre oder weil sie uns ein Leben ohne Herausforderungen schenken würde. Die Natur kennt keinen Komfort, keine Sicherheit und keine Garantie. Sie fordert, sie verändert, sie nimmt und sie gibt zurück. Aber eines tut sie nicht: Sie verlangt keine Rechtfertigung.

Mit der Natur musst du nicht diskutieren. Du musst dich nicht erklären. Du musst ihr nichts vorspielen, du musst keine Erwartungen erfüllen und du musst für sie keine Rolle spielen. Die Natur interessiert sich nicht dafür, welchen Status du besitzt, wie viel Geld du hast oder welche Meinung du vertrittst. In der Natur kannst du einfach sein, ohne Bewertung, ohne Vergleich und ohne den ständigen Druck, jemand sein zu müssen.

Vielleicht ist genau das der wahre Jackpot des Lebens – deines Lebens!

Jeder Mensch liebt seine eigene Meinung, vertraut dieser und ist von ihr felsenfest überzeugt. Diese Meinung mit der individuellen Lebenseinstellung samt persönlicher Überzeugungen in das eigene Leben zu integrieren, ist einfach. Schließlich passt die eigene Wahrheit perfekt in das eigene Weltbild. Doch genau hier beginnt die menschliche Dysbalance.

Denn es handelt sich um deine subjektive Wahrheit. Eine Wahrheit, die durch deine Erfahrungen entstanden ist, durch deine Erlebnisse, deine Ängste, deine Hoffnungen und deine persönlichen Geschichten. Sie passt zu dir. Aber warum sollte sie automatisch zu jemand anderem passen? Das ist die große Illision des Menschens, die vielleicht in Hollywood Früchte erntet, aber niemals im realen Leben.

Ebenso wenig gibt es Situationen, die immer eindeutig mit richtig oder falsch bewertet werden können. Was für dich richtig ist, kann für mich falsch sein. Was für dich selbstverständlich erscheint, kann für mich völlig unverständlich wirken. Und vielleicht wäre es genau deshalb sinnvoll, sich mit Bewertungen etwas zurückzuhalten. 

Wenn beispielsweise jemand mit der Behauptung kommt, ein Kreis hätte Ecken, dann sage nicht sofort, dass diese Person falsch liegt. Frag doch einfach einmal nach, warum diese Person zu dieser Meinung gekommen ist. Lass es dir erklären. Vielleicht wirst du diese Sichtweise danach immer noch nicht teilen, aber du hast zumindest versucht es zu verstehen, bevor du geurteilt hast. Und eines ist garantiert: so etwas ist wirklich spannend 🙂 

Eine andere Möglichkeit wäre natürlich die menschlich bekannte Alternative: Du schreist diese Person an, weil du der Überzeugung bist, sie sei dumm. „Ein Kreis hat doch niemals Ecken, kapierst du das nicht?“. Ja, und genau in diesem Moment stehen sich zwei Exemplare des Homo sapiens gegenüber. Zwei Menschen, die beide überzeugt sind, die Wahrheit zu besitzen. Es geht plötzlich nicht mehr um den Kreis. Das eigentliche Thema ist längst vergessen. Jetzt geht es um viel mehr. Es geht um Stolz, um das eigene Ego und um die Frage, wer am Ende Recht behalten darf. 

Oder schlagen sich beide am Ende wohl einfach die Köpfe ein? 

Und genau solche Unstimmigkeiten bringen den lieben Menschen entweder zur Rechtfertigung, zum Geschrei oder aber zur Resignation. Einer kämpft bis zum letzten Wort, während der andere irgendwann aufgibt. Nicht, weil er überzeugt wurde, sondern weil die Energie fehlt, gegen eine Wand aus Überzeugung anzureden.

Könnte dir das in der Natur passieren?

Hast du jemals die Natur beschuldigt, warum die Sonne scheint? Hast du einen Baum angeschrien, weil er an einem Ort wächst, der dir nicht gefällt? Hast du einen Fluss beleidigt, weil er nicht den Weg nimmt, den du für richtig hältst? 

Natürlich kannst du das alles machen. Allerdings wird sich die Natur davon jedoch nicht beeindrucken lassen. Die Sonne wird weiterhin scheinen, der Fluss wird weiterhin fließen und wenn du den Baum nicht abgesägt hast, wird dieser Baum weiterhin wachsen. Nicht, weil die Natur dich ignoriert, sondern weil sie keine persönliche Absicht gegen dich verfolgt. Es ist deine Entscheidung, warum du gerade zu diesen Zeitpunkt beispielsweie der Sonne ausgesetzt bist, du könntest auch wo anders sein. Beschuldige also dich, nicht die Sonne. Nur diese eigene Verantwortung zu tragen, ist für manche Zweibeiner eine Verantwortung zu viel die sie zu tragen haben. 

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Natur und Mensch. Die Natur existiert, während der Mensch ständig interpretiert. Die Natur lässt sein, während der Mensch bewertet. Die Natur kennt Vielfalt, während der Mensch oft versucht, aus Vielfalt eine Einheit zu machen. 

Ebenso besitzt der Mensch die außergewöhnliche Fähigkeit, aus einem Unterschied einen Konflikt entstehen zu lassen. Eine andere Meinung wird plötzlich zu einer Provokation. Eine andere Lebensweise wird zu einer Bedrohung. Eine andere Sichtweise wird nicht mehr als Bereicherung gesehen, sondern als Angriff. Auch, wenn die andere Meinung zum wohle aller besser wäre, als auf dass beharrt wird. Und dann beginnt der Kampf. Nicht gegen ein tatsächliches Problem, gegen einen anderen Menschen. Gegen einen Menschen, dessen Meinung vielleicht für alle besser wäre, allerdings darf gerade dieser Mensch nicht die Lösung bringen, das würde das Gegenüber nie eingestehen und mit dem Ego verkraften. 

Dann gibt es noch das andere Extrem von Menschen mit ausgeprägtem Kontrollbedürfnis, Autoritätsproblemen und einer gewissen Chefität, die den Dogmatismus noch immer als Lebensprinzup pflegen. In solchen Begegnungen entsteht keine Verbindung. Wie vorhin bereits erwähnt entstehen hier Spannungen, Konflikte oder aber das Gegenteil: Nachgiebigkeit. 

HarmoIMMER bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich denken. Ein Wald besteht schließlich auch nicht aus einer einzigen Baumart. Ein Meer besteht nicht aus einer einzigen Welle. Die Natur zeigt uns jeden Tag, dass Unterschiedlichkeit kein Fehler ist. Nur der Mensch scheint Schwierigkeiten damit zu haben. 

Wir akzeptieren die Vielfalt der Natur, aber wir verlangen oft Anpassung von unseren Mitmenschen. Wir bewundern die Freiheit eines Vogels, aber gleichzeitig versuchen wir manchmal andere Menschen in unsere eigenen Vorstellungen zu zwängen. Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen unserer Spezies. Nicht weniger zu denken, nicht weniger zu glauben und nicht weniger zu hinterfragen. Sonder zu akzeptieren, dass die eigene Wahrheit nicht automatisch die Wahrheit aller anderen Menschen sein muss.

Ein Baum diskutiert nicht mit dem Wind, ob er aus der falschen Richtung kommt. Ein Fluss verklagt keinen Felsen, weil dieser ihm im Weg steht. Ein Tier erklärt einem anderen Tier nicht, wie es besser existieren sollte. Nur der Mensch besitzt diese außergewöhnliche Fähigkeit, aus einer Meinung einen Kampf hervorzurufen. 

Vielleicht ist das alles die größte Ironie unserer Entwicklung. Wir bezeichnen uns als das intelligenteste Lebewesen dieses Planeten und erschaffen trotzdem immer wieder unsere eigenen Ungleichgewichte, indem jeder einzelne von uns Tag für Tag, Stunde für Stunde ein Stück unseres Planetens vernichtet. Bewusst, oder unbewusst. 

Vergesst eines nie: 

  • Die Natur erschafft Vielfalt – Der Mensch verlangt Gleichschritt. 
  • Die Natur lässt sein – Der Mensch will kontrollieren. 

Und genau darin liegt meiner Meinung nach die Faszination menschlicher Dysbalance.